Erfolgreicher Fachtag der „Frühen Hilfen“
Bindung, Beziehung und „Essen“ bei Familien mit Kleinkindern
Die Frühen Hilfen setzen ihren Blick auf die frühzeitige Unterstützung und Beratung von werdenden Eltern und Familien.
Unter dem Titel „Mit Essen spielt man nicht!? Warum Kinder essen, wie sie essen – im Fokus von Bindung und Beziehung in den ersten Lebensjahren“ fand am Dienstag, den 24. September, der diesjährige Fachtag der Frühe Hilfen statt.
Die Frühen Hilfen setzen ihren Blick auf die frühzeitige Unterstützung und Beratung von werdenden Eltern und Familien mit Kindern bis zum dritten Lebensjahr. Genau in dieser Zeit ist das Essen von besonderer Bedeutung.
Nach einer kurzer Einführung durch die Netzwerkkoordinatorin Frühe Hilfen des Landkreises Nordwestmecklenburg, Frau Görig, sprach der Fachdienstleiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Herr Omer Oglou, die Grußworte an die 76 anwesenden Fachkräfte.
„Bei den Informationen und Empfehlungen, die Eltern von Babys und Kleinkindern bekommen, geht es meist um das ,was´ gegessen werden sollte. Wir wollen heute besonders auf das ,wie´ schauen: Wie essen Kinder? Wie lernen Kinder das Essen? Wie beeinflusst der kulturelle Kontext das Essen?“, so Herr Omer Oglou.
Die Hauptreferentin des Fachtages war Frau Edith Gätjen, Ökotrophologin, systemische Therapeutin und Lehrbeauftragte der Hochschule für Gesundheit Bochum und der Universität des Saarlandes.
In ihrem ersten Vortrag „Beikost in Beziehung, familienorientiert, vollwertig und hausgemacht“ erläuterte sie zunächst die Zusammensetzung und Besonderheiten der Formula- Säuglingsmilchen und industriellen Breinahrung und schlussfolgerte Empfehlungen für den Beginn und Ablauf der Beikostgaben. Frau Gätjen beschrieb die Beikost als Beginn der Liebe zum Essen. „Wir müssen die Ideale anpassen an die reale Welt – das ist der richtige Weg, nicht umgekehrt!“, so Gätjen. Kinder sollten in Bezug auf Essen und Sättigung, Vertrauen zu sich selbst entwickeln. Dabei geht es neben dem physiologischen Hunger häufig auch um die Sättigung des emotionalen Hungers.
Im zweiten Vortrag beleuchtete Frau Gätjen die Ess-Entwicklung der Kleinkinder. Wie gelingt es, ein Kind von der Rund-um-die-Uhr-Versorgung im Mutterleib an strukturierte und freudvolle Mahlzeiten am Tisch, mit anderen Menschen und unbekannten Nahrungsmitteln zu gewöhnen? Bis zum 10./ 12. Lebensjahr seien die Kinder „intuitive Esser“, erst danach werden sie zu „kognitiven Essern“. Essen ist ein Lernprozess, kein angeborenes Verhalten.
Das kindliche intuitive Essverhalten wird beeinflusst durch biologische Schutz- und Sicherheitsprogramme („ich liebe Süßes und Salziges und konzentrierte Energie und lehne Bitteres und Saures ab“) und parallel verlaufende Entwicklungsaufgaben. Pointiert referierte Frau Gätjen über den Zusammenhang zwischen Essen, Bindung und Beziehungen und, dass „Kinder das tun, was wir tun, nicht das, was wir sagen“.
Nach der Mittagspause stellten die Mitarbeitenden der Interdisziplinären Frühförderung der Wismarer Werkstätten GmbH, Frau Scheuermann und Frau Lange, ein Praxisbeispiel eines Kindes mit auffälligem Essverhalten vor und erläuterten die Rolle der Fachkräfte bei der Unterstützung des Familiensystems. Beim Essen geht es um viel mehr als Nahrungsaufnahme und viele äußere Einflussfaktoren. Es ginge immer auch darum, ob Eltern eine Situation überhaupt als Problem empfinden, an dem gemeinsam gearbeitet werden soll.
Frau Dr. Claudia Seele von der Fachstelle Mehrsprachigkeit MV appellierte an die Zuhörenden, Familien mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen auch im Hinblick auf das Essen in ihrer Vielfältigkeit wahrzunehmen und wertzuschätzen. Familien seien grundsätzlich sehr heterogen und bauten sich einzigartige Familienstrukturen auf, auch unabhängig von ihrer regionalen Herkunft.
Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden bei Workshops von Frau Gätjen, Frau Dr. Seele und Frau Holm sowie der Ökotrophologin aus Wismar, Frau Deppner, in den ausführlichen Austausch gehen und auch das praktische Arbeiten kam nicht zu kurz.
